Herman G. Fahrt :: 1907 und 2007

Im Jahre 1907 unternahm der Flensburger Kaufmann und begeisterte Automobilist Herman G. Goldth mit einigen engen Freunden, die sich ebenfalls dem Automobilhobby verschrieben hatten, die erste urkundlich erwähnte automobile Wettfahrt der Weltgeschichte. Diese Wettfahrt führte am 13.Mai vom Firmengelände der Firma Goldth an der Ballastbrücke 5 nach Kiel und sollte aller Welt die Überlegenheit der modernen Technik im Gewande des Automobiles vor Augen führen. Das illustre Wettkampffeld bestand aus 5 Wettfahrern:

– Otto Graf von Knickstein, Daimler Mercedes 20/35 PS – Der legendäre erste Wagen mit Kardanantrieb

– Bernd Petersen, Adler 24/28 PS

– Ole Goldstein, Renault Type AI/CT

– Gottfried von Wimmerby, Opel-Darracq 25/30 PS

– Herman G. Goldth, Cadillac Model G

Die Regeln für dieses Wettrennen waren recht einfach. Start und Ziel wurden vorgegeben. Wer erster ankam, war der Sieger. Die eigentliche Strecke konnte jeder Teilnehmer frei wählen. Hierbei sei erwähnt, daß jeder Teilnehmer die Fahrt über die gleiche Strecke wählte. Dies liegt überwiegend in dem damals noch recht dünn gesäten Verkehrswegenetz begründet. Auf den ersten Kilometern im Stadtgebiet lieferten sich die tollkühnen Rennfahrer ein erbittertes Rennen um die Führung. Es zeigte sich aber auch, daß viele der Fahrer noch Probleme im Umgang mit den teilweise erst neu erworbenen Autowagen hatten. Durch einen klugen Schachzug gelang es Herman G. und Gottfried von Wimmerby sich vom restlichen Feld abzusetzen, als sie relativ frei von Behinderungen über die Schleswiger Straße die Rude und damit weniger besiedeltes Gebiet erreichten. Der Rest wählte die Fahrt durch die Friesische Straße und blieb erwartungsgemäß am Südermarkt aufgrund der Verkehrsdichte anläßlich des Wochenmarktes stecken. Leider unterschätzte Gottfried die Schärfe einer Linkskurve und krachte in ein Fuhrwerk der Brauerei, woraufhin sich 500 Liter Bier Pilsener Brauart über seinen Opel ergossen. Als er den Wagen wieder flott hatte, war von Herman G. nichts mehr zu sehen. Das übrige Fahrerfeld hatte ihn indes wieder eingeholt.

In der Folgezeit konnte sich Herman G. deutlich von seinen Verfolgern absetzen. Sein überragendes fahrerisches Können ließ ihn einen deutlichen Vorsprung erarbeiten. Sich seines Sieges gewiss, gönnte er sich irgendwo zwischen den Ortschaften Havetoft und Klappholz eine kleine Rast nahe eines jungen Gehöftes. Hierbei weckte er reges Interesse der Anwohner, denen die automobile Fahrkultur noch nicht in dem Maße geläufig war, wie sie es in unserer modernen Welt ist. Sich seines großen Vorsprunges gewahr, nahm der lebensfrohe Kaufmann Kontakt zu der neugierigen Schar auf. Er vergaß ein wenig die Zeit und brach erst wieder überhastet auf, als er den Motorenlärm seiner Verfolger schon hören konnte. Als er 9 Monate später mit dem Ergebnis seiner Kontaktaufnahme konfrontiert wurde, spendete der die Mittel zum Bau des auf dem Bild zu sehenden Wohnbaues, um sich vor weiteren Unterhaltsansprüchen zu schützen. Das Rennen gewann durch diese Pause wieder an Spannung. Gelang es dem Herman G. doch nicht mehr, sich vom Rest des Feldes auf derart deutliche Weise zu distanzieren.

Denkwürdig bis in die heutigen Tage bleibt auch die Kurvenfahrt des Grafen Knickstein in dieser Kurve zwischen Scholderup und Geelbyholz. Ein entgegenkommendes Pferdefuhrwerk zwang den Grafen zu einem Ausweichmanöver, bei dem er kurzfristig die Kontrolle über seinen Daimler verlor. Dabei krachte er gegen die am rechten Wegesrand stehende Scheune. Eine rot/weiße Warnbarke erinnert noch heute an dieses Ereignis.

Hierbei erlitt der Benz einen Schaden am rechten Vorderrad. Nach einer geringen Strecke musste er sich in diese kleine Scheune zurückziehen, wo er den Schaden geschützt vor der Witterung mit Bordmitteln wieder beheben konnte. Nur 4 Stunden nach der Kollision war er wieder auf der Strecke. Nach nur kurzer Fahrt kam er in Missunde an und musste genau wie seine Mitstreiter feststellen, daß der Fährverkehr für diesen Tag bereits eingestellt wurde. Das Fahrerfeld war wieder beisammen. Erschöpft und mit den Blessuren eines langen Wettkampftages gezeichnet, kehrten die Hasardeure im Fährhaus ein und besoffen sich, wie es zu der damaligen Zeit üblich war, hemmungslos. Die Zeit verging wie im Fluge und am nächsten Morgen nahm die Fahrt am anderen Ufer ihren Fortgang.


Um 10Uhr ging es weiter: Das ganze Dorf war versammelt und beobachtete das Spektakel der startenden Motorkutschen. Übersetzen mit der kleinen Fähre.; unter großem Applaus verließen unsere Helden den kleinen Ort Missunde, noch bevor die Koseler Kirchenglocken ihren Ruf zum Sonntagsgebet beendet hatten. Es galt einmal mehr, es den anderen in ihren lahmen Kisten zu zeigen. Auf der (damals noch wenig befahrenen) B76 wurde richtig aufgedreht: Hier konnte „Knicki“ in seinem Mercedes klar punkten, wurde aber von Herman G. am Ortseingang von Eckernförde eingeholt und an der Kleinbahnbrücke geschickt ausgebremst. Nun war Herman G. vorne, gefolgt von Knicki und Ole. Am Bahnübergang wurde man wieder aufgehalten: Die Reichsbahn zeigte sich bemüht, das Rennen weiterhin spannend zu halten. Immerhin behielt Herman G. seine „Pool-Position“ und nach dem Öffnen der Bahnschranken ging es vorbei an der kaiserlichen Marinetauchschule. Hier hatte Herman G. in den 1871 einen Lehrgang zum Tauchen mit Stahlhaube gemacht, den er als Lehrgangsbester absolvierte. Seine Ehrenurkunde hängt heute noch in einem der riesigen Gänge:

Weiter geht es mit Karacho am Strand entlang, wo heute ein merkwürdiges Gebilde ein Strandcafé beherbergt. In den ersten Jahren der Wirtschaftswunderzeit wurde aus dem küstennahen Gewässer eine sogenannte Reichsflugscheibe geborgen. Deren Funktion war, nach vielen Jahren im salzigen Wasser, nun nicht mehr herzustellen. Ebenso gibt es nur Gerüchte, warum und wieso dieses Ding hier war. Jedenfalls wurde sie ausgeschlachtet, die Innereien dem Altmetallhändler überführt und auf Betonwänden zum Ausflugslokal gemacht:

Dann die letzte Etappe. Eine Etappe geprägt durch wilde Fahrt!

Den Ausgang des damaligen Rennens hat sich jeder denken können: Bis Gettorf war Herman G. vorne, mußte seinen guten Platz aber an Bernd Petersen abtreten, da Herman in Gettorf ein paar Hühnern das Leben nahm und vom örtlichen Schutzmann nicht nur eine Standpauke bekam, sondern den Schaden, sowie eine saftige Strafe (gesamt 57 Reichsmark!) an Ort und Stelle ins Staatssäckl bezahlen mußte. In der Zwischenzeit hatten ihn auch die anderen Piloten eingeholt und der achsoschöne Vorsprung war dahin. Der Adler war nun vorn, der Renault und der Opel lagen hinten. Knicki im Mercedes an zweiter Stelle. Herman fungierte nun als „Lumpensammler“ – das war auch gut, denn an der Levensauer Hochbrücke machte von Wimmerby’s Wagen die Grätsche. Das Bier am Vortag schien dem Opel doch größeren Schaden zugefügt zu haben (jedenfalls mehr als seinem Fahrer! 😉 ), er wurde am Schweinekrug abgestellt. Knicki, der rasant auf- und überholte, bestellte schon sein Bier im Garten des Ratskeller-Wirtshauses, als Bernd Petersen und Ole Goldstein in ihren verstaubten Kaleschen auf den Rathausplatz jagten. Herman G., mit von Wimmerby als ‚Shotgun‘ im Cadillac, erreichte selbigen erst eine gute halbe Stunde nach Knicki. Nun ja, alle freuten sich ob der Zuverlässigkeit ihrer Wagen (in der Presse gab es seinerzeit große Berichte!). Auch Gottfried von Wimmerby – immerhin erreichte er die Stadtgrenze Kiels. Die Pokalvergabe (gefüllte Bierkrüge für alle!) zog sich bis in die frühen Morgenstunden… Herman betonte sein Leben lang, daß er hätte gewinnen können, wenn in Gettorf nicht diese dusseligen Viecher rumgefleucht wären, und er aufgrund des überragenden Sieges von Wimmerby’s auf Mercedes, er später die Marke wechselte. So sind GOLDTH und Mercedes bis in die heutigen Tage enge Partner.


Nun noch einige Sachen zu Start und Ziel. Treffen ab 1200h im Flensburger Hafen, die Straße heißt HARNISKAI. Hinfinden kann jeder über die Eingabe der Adresse hier: http://www.viamichelin.de/viamichelin/deu/tpl/hme/MaHomePage.htm Dort wird eine kleine Startgebühr von 10€ für Fahrzeuge mit Fahrer eingezogen. Mit Beifahrer beläuft sich der Obolus auf 15€. Mit der Bezahlung erhalten alle Teilnehmer Medaillen, die an das Jubiläum der Herman G.-Fahrt erinnern sollen. Am Ziel steht bereits ein Grill, für die Grillkohle ist ebenfalls gesorgt, Grillgut, Vesper allgemein, sowie Getränke sind mitzubringen, bzw. können auf der letzten Etappe, in einem Supermarkt an der Strecke, erworben werden. Ein Unterstand ist auch am Zielort, eine Toilette ebenso. Möglichkeit zum Campen (Zelt/Wohnwagen etc mitbringen!) ist ebenfalls gegeben. Die Pokalvergabe findet nach Auswertung der Roadbooks statt. Die Goldth KG freut sich über rege Teilnahme. Bis Bald!


Oben lasen Sie den Bericht zur Ur-Fahrt von 1907 und im letzten Absatz die Anordnungen zum reibungslosen Ablauf der Jubiläumsfahrt am 2.6.2007. Der große Bildbericht ist nun verfügbar. Bitte klicken Sie >>>HIER!<<< Die Firma Goldth bedankt sich im Namen der gesamten Belegschaft für die Teilnahme und den gnadenlosen Einsatz von Mensch und Material bei der Herman G.-Fahrt 2007! Respekt an Maik aus dem preußischen Potsdam, der als Alleinfahrer den ersten Platz souverän gewonnen hat. Die Plätze Zwei und Drei gingen an Teams aus (woher sonst) Flensburg und Umgebung. Toll!

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